Leitartikel

Innovationen überwinden Grenzen

Von Udo Böhlefeld · 2017

„Ich glaube ich seh’ nicht richtig“ und „Da habe ich mich wohl verhört“ sind Redewendungen, die Überraschung, Ungläubigkeit oder Empörung ausdrücken. Mit diesen rhetorischen Stilmitteln wird behauptet, etwas nicht richtig wahrgenommen zu haben, um das Unangemessene dessen, was man gesehen oder gehört hat, zu betonen. Dabei ist eine Seh- oder Hörbeeinträchtigung für viele Menschen keine Redewendung, sondern tägliche Realität, die ihre Lebensqualität einschränkt.

Eine Frau liegt mit Kopfhörern im Gras und freut sich

Sehen und Hören sind die beiden wichtigsten Sinne, die uns ermöglichen, alles um uns herum mitzubekommen und aktiv an dem teilzunehmen, was das Leben zu bieten hat. Meist machen wir uns allerdings erst Gedanken über unsere Sinne, wenn deren Funktionsfähigkeit nachlässt oder sogar ganz ausfällt. Und das kann jeden treffen.

Stundenlanges Starren auf Computer-Monitore, Fernsehbildschirme und Handy-Displays sowie täglicher Großstadtlärm und laute Musik auf den Ohren fordern ihren Tribut: Heute hat mehr als jeder zweite erwachsene Deutsche Sehprobleme und jeder fünfte leidet unter Hörverlust. Die Dunkelziffer ist noch höher, da viele Betroffene erst sehr spät oder gar nicht zum Arzt gehen. Fatal, denn die drohenden Folgen reichen von leichten sozialen und beruflichen Beeinträchtigungen bis zur Isolierung von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.

Technischen und medizinischen Innovationen ist zu verdanken, dass eingeschränkte Seh- und Hörfähigkeiten heute nicht mehr zwangsläufig die Trennung von Dingen, Menschen und dem Rest der Welt bedeuten.

Die Welt wird smarter

Hörgeräte wurden bisher mit jeder Entwicklungsstufe kleiner und leistungsfähiger. Seit kurzem werden sie auch immer smarter. 3D-Hörgeräte machen räumliches Hören möglich: Wie bei einem intakten Gehör können die Träger derartiger Systeme wieder unterscheiden, aus welcher Richtung Geräusche kommen. „Smart Hearing“ verbindet Hörgeräte per Bluetooth oder anderen Übertragungstechniken mit Smartphone, Telefon, TV und weiteren Soundquellen. Die jeweiligen Geräte übertragen direkt aufs Hörsystem. Das Smartphone wird dabei zur Befehlszentrale. Lautstärke, Klang oder diverse voreingestellte Hörprofile lassen sich vom Handy aus steuern, gleichzeitig erinnert es an wichtige Termine und lässt sich als Audioführer durch Ausstellungen oder als Sprachübersetzer einsetzen.

Quelle: obs/Fördergemeinschaft Gutes Hören (FGH), 2016

Auch Menschen mit Sehstörungen haben Grund für einen optimistischen Ausblick in die Zukunft. Die mehr als 40 Millionen Brillenträger in Deutschland sollen künftig schärfer und kontrastreicher sehen können, die Farben sollen brillanter werden. Ursache dafür ist ein neues Messverfahren, das Fehlsichtigkeit exakter feststellen kann. Bisherige Messungen ermöglichten eine Genauigkeit von rund einem Fünfundzwanzigstel Dioptrien, neue Messungen liegen in der Genauigkeit bei einem Hundertstel. Implantierbare Kontaktlinsen können heute ex­treme Fehlsichtigkeiten korrigieren, wo Laserverfahren aufgrund einer zu dünn geratenen Hornhaut nicht einsetzbar sind. Und es gibt Nachtlinsen, welche die Hornhaut des Auges im Schlaf formen und so tagsüber für bessere Sicht sorgen. 

Technologie für den „Augenblick“

Gleichzeitig halten neueste Technologien auch in der Augenheilkunde Einzug. So entwickelte das Berliner Max-Planck-Institut eine Lese-Kamera für Blinde. Diese Kamera schickt ihre Bilder an einen Mini-Computer. Die vom Rechner vorgelesenen Texte sind über Kopfhörer zu empfangen. Alles zusammen ist gerade so groß, dass es mühelos an einer Brille montiert werden kann.

Elektronische Netzhautimplantate, bei denen künstliche Zellen in der Netzhaut Blinden ein orientierendes Sehen ermöglichen, und Femtosekundenlaser, ein chirurgisches computergestütztes Verfahren zur Grauen-Star-Operation, sind weitere Beispiele aus der aktuellen Forschung. 

Von der Science-Fiction zur Realität

Ein Klassiker der Science-Fiction hat es vorgemacht. Im Kultfilm „2001: Odyssee im Weltraum“ liest Supercomputer HAL 9000 den Astronauten an Bord jedes Wort von den Lippen ab. Für die Filmhelden, die sich eingeschlossen hatten, damit ihnen der Computer nicht zuhört, ist das fatal. HAL übernimmt die Regie auf dem Raumschiff. 

In unserer Realität könnte die Zukunftsvision allerdings sehr nützlich sein. Denn viele gehörlose Menschen können zwar von den Lippen ablesen, den wenigsten aber gelingt es perfekt. Wissenschaftler der University of East Anglia arbeiten deshalb an einem Programm, mit dessen Hilfe Computer das künftig übernehmen sollen. Noch sind diese Rechner, nicht ausgereift, aber „Künstliche Intelligenz“ und eine rasante Speicherentwicklung werden es richten.

Zugegeben: Bislang ist der Blindenstock noch unersetzlich. Grundlegend ändern könnte das schon bald ein Armband eines US-amerikanischen Unternehmens mit einem sehbehinderten Gründer. Das Armband sendet wie eine Fledermaus unablässig Signale per Ultraschall aus. Werden die Signale von einem Hindernis reflektiert, vibriert es. Die größte Schwäche des Armbands liegt noch in der auf vier Stunden begrenzten Akkulaufzeit. Aber auch hier wird weiterentwickelt. In den Vereinigten Staaten ist das Gerät bereits im
Praxiseinsatz.

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