Barrierefreies Leben

Mit der App durch die Botanik

Von Tobias Lemser · 2016

Ampeln mit Signalanlagen sorgen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr.

Chancengleichheit ist einer der größten Wünsche von Blinden und Sehgeschädigten. Doch gerade im öffentlichen Raum sind sie auf das Engagement der Städte und Kommunen angewiesen, um zu allen Orten uneingeschränkten und sicheren Zugang zu haben. Viele Städte gehen mit gutem Beispiel voran.

Mal eben in der Stadt shoppen, sich schnell einen Coffee to go schnappen und per App den Busfahrplan checken: für die meisten von uns selbstverständliche Dinge. Schnell gehen muss es auch. Zum Innehalten bleibt da keine Zeit. Oder doch? Vielleicht ja an der roten Fußgängerampel, an welcher eine Person mit Blindenstock auf das Klopfgeräusch, das ihr „grün“ signalisiert, wartet. Vorausgesetzt, die Ampel ist denn mit solch einem Signalgeber ausgestattet. Nur eine von vielen Situationen, die zeigt, welche Hürden Sehgeschädigte und Blinde alltäglich überwinden müssen und wie wichtig die Barrierefreiheit ist. Das Ziel: Alle baulichen Anlagen, Verkehrsmittel und Informationsquellen für behinderte Menschen einfach und ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar machen.

Mobilität sicher gestalten

Doch wie sieht das in der Praxis aus? Wer sich an Bahnsteigen oder Bushaltestellen genauer umschaut, entdeckt auf den Bodenplatten immer häufiger Bodenleitstreifen oder sogenannte Leitrippen. Als Orientierungshilfe warnen sie Sehgeschädigte und Blinde vor einem Sturz ins Gleisbett und erleichtern gleichzeitig den Einstieg in das Verkehrsmittel. Doch damit nicht genug: Die Leitrippen zeigen zudem an querenden Straßen die Gehrichtung an und führen zu wichtigen Zielen, wie Aus- und Eingängen. Immer häufiger zum Einsatz kommen auch Noppenplatten, die gerade an Treppen Stürze vermeiden sollen.

Pflanzenwelt und Theater für Blinde

Blinde und Sehgeschädigte am öffentlichen Leben teilhaben lassen, dafür engagieren sich auch immer mehr Städte. So auch Frankfurt am Main, in der es ab kommender Saison im Botanischen Garten ein neues Informationssystem geben soll. Mithilfe eines Bodenleitsystems und taktilen Tafeln sollen Blinde und Sehbehinderte das Gelände besser erkunden können. Kern des neuen Projekts ist eine App, die mit kurzen Audiosequenzen den Weg beschreibt und per Knopfdruck über die Pflanzen informiert. Ähnlich die Stadt Wismar, die ins Theater und in Konzerte lockt. Das Besondere: Während der Aufführung haben die Betroffenen die Gelegenheit, sich das Geschehen über Kopfhörer erzählen zu lassen. Beispiele, die zeigen, dass einiges getan wird. Allerdings gibt es in vielen Bereichen noch erheblichen Nachholbedarf. Beispiel Städteverwaltungen. Wer etwa versucht, barrierefrei auf der Homepage ein Formular zu finden, stößt ziemlich schnell an seine Grenzen. Einen Blinden spät abends an einer Fußgängerampel anzutreffen, hat ebenso Seltenheitswert. Die Anlagen befinden sich vielerorts dann bereits im Schlafmodus.

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